Mein vorerst letzter Flug mit der „Dakota“- von Ralf Drescher

Vor einem Jahr startete der Jungfernflug in die Autostadt

An meiner Pinnwand hängt ein unscheinbares Ausweiskärtchen, das Ticket, Nummer 3290398, von Air Service Berlin. Auf der Rückseite steht „Rosinenbomber Wolfsburg, Tagesreise 15. April 2010“. Ich erinnere mich genau an diesen Tag.

Auf Einladung von Air Service Berlin und ihrem Chef, Frank Hellberg, durften Berliner Journalisten an einem ganz besonderen Flug teilnehmen. Der „Rosinenbomber“, eine der legendären Dakota DC 3, sollte uns an diesem Tag zu einem Erlebnisbesuch in die Autostadt Wolfsburg bringen.

Bereits kurz vor 7 Uhr bin ich in Schönefeld am Terminal C, an dem nur die Flüge von Air Service Berlin abgefertigt werden. Von hier kann man mit dem Hubschrauber über Berlin fliegen, mit dem Rosinenbomber zu 30-minütigen Stadtrundflügen oder einer Erlebnistour nach Dresden starten und ab sofort auch nach Wolfsburg fliegen. Genauer gesagt, zum Flughafen Braunschweig-Wolfsburg.

An diesem Tag sollen wir nur mit historischen Verkehrsmitteln unterwegs sein. Ein originaler US-Schulbus bringt uns nach Einschecken und Sicherheitskontrolle zum Rosinenbomber, der vor dem für DDR-Regierungsflüge errichteten Empfangsgebäude abgestellt ist. Flugkapitän Martin Müller begrüßt uns, jener erfahrene Flieger, der rund zwei Monate später nach einem Triebwerksausfall Besatzung und Passagiere heil und den Rosinenbomber mit reparablen Schäden auf den Boden zurück brachte. Dann springen die beiden Sternmotoren an, gegen 8.15 Uhr jagt die 66 Jahre alte Maschine über die Piste. Ich sitze genau neben dem rechten Notausstieg und blicke auf den zwei Meter entfernten Steuerbordmotor. Schnell sind 600 Meter Reiseflughöhe erreicht. Über Potsdam, Brandenburg und Magdeburg geht es Richtung Westen. Über Wolfsburg setzt Martin Müller zu mehreren Runden über das riesige Volkswagenwerk an. Deutlich erkennt man neben dem alten VW-Kraftwerk und unzähligen Montagehallen die beiden gläsernen Türme, aus denen fabrikneue VW an Selbstabholer ausgeliefert werden. Ich fotografiere die Tragflächen zusammen mit dem Volkswagenwerk. Dann setzt die Maschine zur Landung an. Als der Rosinenbomber ausrollt, stehen fast alle Mitarbeiter des Flughafens am Rollfeldrand. Der Flughafen Braunschweig-Waggum, wie er im Eröffnungsjahr 1936 hieß, ist genau wie unsere historische Maschine ein Stück Luftfahrtgeschichte. Errichtet für die Lufthansa, diente er der Deutschen Forschungsanstalt für Luftfahrt als Heimatflughafen.

Nach kurzem Empfang mit Sekt und Häppchen geht es in die Autostadt. Die feiert gerade ihren 10. Geburtstag. Sie ist eine Art Kathedrale des Automobils, in der jenem von Carl Benz vor 125 Jahren erfundenen Fortbewegungsmittel gehuldigt wird. Gezeigt werden fast alle Volkswagen, die je gebaut wurden. Besucher können am Computer den Volkswagen ihres Vertrauens entwerfen und modernste Automobiltechnik bestaunen. Ein Teil der rund 20 Millionen Besucher, die seit der Eröffnung kamen, haben vor allem etwas Anderes im Blick, das eigene neue Automobil. In den bereits erwähnten gläsernen Türmen werden alle Fahrzeuge bereit gestellt, die im Laufe eines Tages übergeben werden. Es sind im Durchschnitt 550 Autos pro Tag. Unter den staunenden Augen der neuen Besitzer wird das Fahrzeug von einem Roboterarm von seiner Abstellfläche geholt und in den Keller des Gebäudes gebracht, wo die Übergabe erfolgt. Kein Wunder, dass einige Menschen das Auto fast zum Gott erheben, bei so viel Zeremonie.

Zum Ausflug gehörte dann noch eine kurze Fahrt auf dem Mittellandkanal, die aber einen die grünen Ufer von Wannsee oder Rahnsdorf gewohnten Berliner nicht allzu sehr beeindruckte. Zumindest war das Schiff auch schon fast historisch, gebaut um1970 auf der VEB Yachtwerft Berlin. Auf dem Computer des Schiffsführers gingen dann die ersten Nachrichten ein, die für unseren Rückflug von Bedeutung sein konnten. Ein Vulkanausbruch im fernen Island pustete Aschewolken in den Himmel über Europa, Teile des europäischen Luftraums wurden bereits gesperrt. Deshalb ging es schnell mit dem historischen Bus zum Flughafen zurück, Pilot Martin Müller warf die Motoren an. Gegen 17.30 Uhr hob der Rosinenbomber in Braunschweig-Wolfsburg wieder ab.

Auf dem Rückflug nach Schönefeld haben wir keine Asche gesehen, sie bewegte sich wohl weit höher als in unserer Ausflugsreisehöhe von 600 Metern. Am Flughafen in Schönefeld stand dann schon der Übertragungswagen der Berliner Abendschau, um über das beginnende Chaos am Himmel zu berichten.

Leider konnten am Erlebnisflug nach Wolfsburg bisher nur wenige Menschen teilnehmen. Rund zwei Monate nach meinem – vorerst – letzten Flug mit dem Rosinenbomber wurde die Maschine bei einer Notlandung in Schönefeld schwer beschädigt.

Heute wissen wir, dass ein Wiederaufbau des historischen Luftfahrzeugs möglich ist. Auch deshalb bin ich im Förderverein Rosinenbomber dabei.

von Ralf Drescher

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